Lieber Sternenppoet

Lieber Sternenppoet,

gestern war es still um mich. Gestern habe ich dir deine letzte Geschichte vorenthalten.

Ich werde heute erzählen, warum.

Ein sehr guter Freund und ich saßen vor einigen Tagen auf dem Balkon. Wieder einmal überkam mich der Drang, zu Schreiben, meine Erfahrungen in kostbare Worte zu verwandeln. Das passiert nicht selten, deshalb folgte die übliche Diskussion mit all ihren Wenn, Aber, Das geht nicht, So will ich nicht, usw.

Nennen wir meinen Freund Clyde. Wie immer schaute er mit seinen verständnisvollen Augen in meine Welt. Er machte Vorschläge, wie schon öfter. Er bremste und schob mich. Damit ich endlich meinen Anker finden konnte. Wo ICH denn bloß anfangen wollte.

Und wieder fiel das Wort Blog. Vor drei Wochen noch schimpfte ich darüber, dass sei nichts für mich. Diesmal brach ich vor Freude fast in Tränen aus. Genau das war es, was ich brauchte.

Ein Mittel der Kommunikation, bei dem ich sofortiges Feedback erhalte, damit ich weiter mache und die richtige Richtung einschlage. Meine Selbstzweifel haben schon so viele Vorhaben zerstört, die wirklich gut aufgenommen wurden und erfolgreich schienen...

Innerhalb von Minuten hatte ich die passende Plattform gefunden und mich eingerichtet. Ich konnte es noch gar nicht fassen. Endlich, nach sieben Jahren hatte ich es geschafft, meinen Traum zu verwirklichen.

Ich teile mich mit. Ich schreibe!!! Und sogar ganz offiziell!

Die ersten Tage waren eine Welle der Euphorie, ich lebte mein Leben bald aus dem Blog ins Leben. Ich dachte über nichts anderes mehr nach, als wie ich meine Erlebnisse und Erkenntnisse weiter geben könnte. Ich redete nur noch von meinem Blog, ich checkte mehr als stündlich die Kommentare, schrieb wie eine Verrückte oder schrieb auf, über was ich noch schreiben könnte. Ich bombardierte alle mit den Besucherzahlen, bis immer weniger dazu gesagt wurde. Ich laß wieder viel über die Erkrankung und begann neue Sichtweisen, in mein altes Leben zu integrieren.

Doch all der Hype blieb nicht unbezahlt. In genau dieser Woche hätte ich Zeit und Muße für Skills und meine Zuwendung für mich gebraucht, da sich etwas Großes im Leben meines Partners verändert hatte. Dadurch hat er weniger Zeit, war weniger da und musste selbst dann nochmal weg. Das rief meine Verlustängste auf den Plan.

Das ich in ein dunkles Tal hinab raste konnte ich zwar sehen, aber nicht aufhalten.

Ich hatte keine Zeit und Lust mich um mich zu kümmern. Ich habe es versucht, doch es gelang mir nicht. Der Sog zu bloggen und düstere Gedanken zu verarbeiten war grösser.

Und somit landete ich in einem fast vergessenen Loch. Tag um Tag wurde ich empfindlicher, mehr Dinge hatten wieder die Kraft mich emotional aus der Bahn zu werfen. Ich begann wieder öfter zu weinen, konzentriert Auto zu fahren wurde immer schwieriger, normale Dinge des Alltags wollte ich immer öfter liegen lassen. Ich spürte emotionale Schmerzen, als wollten Herz und Bauch zerbersten. Ich konnte immer schlechter aufrecht sitzen.. Die Last schien mich zu erdrücken. Und sie erdrückte mich.

Mein Selbstbild und die Pflege meines Körpers sanken rapide. Ich fand mich wieder hässlich, dumm und ekelerregend. Ich heulte wieder öfter über meine Mutter. Ständig beklagte ich mich über meine Lebenssituation...

All das sind Dinge, die ich durch Therapien gut in den Griff bekam. Es wurden Frühwarnzeichen. Anzeichen für die Notbremse. Doch ich hatte vergessen, wo sie war.

Heute morgen sprang ich höchst wütend vom Frühstückstisch auf und biss mir in den Arm, um mich nicht schneiden zu müssen.. Ich musste grössere Skills einsetzen. Skills, für die ich all meine Möglichkeiten nutzen musste und die meine volle Aufmerksamkeit verlangten.

Beim Auto fahren wusste ich, ich muss mich jetzt sehr beherrschen. Ein falsches Wort von meinem Partner und ich werde sehr, sehr impulsiv... Beim Shoppen dann war das Maß voll. Ich hatte mittlerweile so viele Emotionen angesammelt, dass ich ganz kurz vor einer richtigen Panikattacke stand.

Gestern zog ich die Notbremse indem das Handy aus blieb. Heute hat es sich zwar immer noch verschlimmert, doch das kam auch aus äusseren, unkontrollierbaren Situationen. Ich weiß jetzt wieder, dass ich mich in dem grossen Spiel des Lebens nicht raus halten darf, selbst wenn ich der Meinung bin, dass ich es nicht verdient habe, dabei zu sein.

Für die Ignoranz für meine Situation, für mein Wohlbefinden habe ich einen hohen Preis bezahlt. Flashbacks, Schneidedruck und Ängste in diesem Ausmaß hatte ich gut im Griff. Besser als die vergangenen Tage. Daran habe ich die letzten Jahre hart gearbeitet.

Doch jedes Hoch fordert bei mir leider sein Tief. Ich habe es jetzt erkannt. Natürlich werde ich weiter, viel und mit Herzblut bloggen, aber nicht um jeden Preis!

Schließlich möchte ich hier Vorbild sein.

Liebste Grüße, Bonnie

7.9.14 21:25

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sternenppoet / Website (7.9.14 22:06)
Du hast ja auch schon mehr geschrieben als andere in einem Jahr. Die Leser wollen ja auch eigentlich Häppchen für Häppchen gefüttert werden. Das wär also eine Idee, immer mal einen Text zu bringen und dann erstmal wieder zu warten, was passiert. Falls du ganz aufhören möchtest, dann sag wenigstens "Tschüss" und verschwinde nicht einfach, wie ich in den letzten Jahren immer verschwunden bin. Wenn mir nach Suizid war, hab ich nämlich mein Blog ersatzweise getötet und damit symbolisch mich selbst. Aber das muss unter uns bleiben. Braucht nicht jeder zu wissen, dass ich auch so meine Schwächen und Zweifel am Leben habe .. Ich wird jetzt erstmal ne Baldrian nehmen, weil ich ein wenig Angst um dich habe ..

Guten Abend noch und schöne Nacht, Sven

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