Unerfüllte Sehnsucht / Idealisierung / Abwertung

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung empfinden oft eine extreme Sehnsucht nach Dingen, Orten oder Personen. Diese Sehnsucht wird vermutlich aus einer mangelhaften bzw. gestörten Mutter-Kind-Bindung geboren. Das Baby lebt im Bauch, sowie die ersten neun Monate seines Lebens in einer Symbiose, einer Verschmelzung, mit seiner Mutter, in der es sich um nichts zu kümmern braucht. Wird diese Symbiose beträchtlich gestört oder gar zerstört, ist der erste Grundstein für eine psychische Erkrankung gelegt.

Diese ungestillte Sehnsucht wird auch im Pubertäts-, bis ins Erwachsenenalter gerade bei einer Borderlinestörung gelebt. Sie kann sich verschiedenst ausdrücken. Vielleicht in einer Kaufsucht, einem unerlösbaren Fernweh (weit entfernte Reisen müssten finanziert werden, um die Sehnsucht nach der weit entfernten Heimat zu stillen) und durch einen ewigen Tanz mit dem potentiellen Partner.

Auf diesen Tanz möchte ich hier gerne näher eingehen.

Die Borderline-Persönlichkeit strebt in ihrem Bemühen zu einer unerreichbaren Symbiose. Sie umgarnt den Partner so lange, bis das Ziel erreicht wurde. Sie wird sämtliche Bemühungen in Kauf nehmen, um den potentiellen Partner zu erreichen.

Das tut sie in der Hoffnung, dass diese unerträgliche Leere erfüllt wird. Diese Menschen plagen fürchterliche Empfindungen und andere Symptome (genaueres unter Diagnosekriterien). Diese Symptome, die Leere, die Ängste und alles andere soll am besten ausgelöscht werden.

Das vermag ein Hormonrausch. Die Anfänge einer Liebesbeziehung, die Bemühungen, das Kennenlernen, das Zueinanderfinden lässt der Borderline-Persönlichkeit meines Erachtens nach genügend Freiraum für Idealisierungen.

In der Phase der Idealisierung ist die andere Person für einen selbst voller Licht und Liebe. Die BP wird voll von Glanz und Gloria von ihrem Rittter oder seiner Prinzessin erzählen. Er/sie trägt nur und stets Gutes in sich. Er/sie vereint all das, was der Erkrankte sich jemals gewünscht hätte. Die BP nimmt sogar eine akute Schmälerung seiner Wünsche und Ziele in Kauf, um das Bild des fast göttlichen Gegenübers aufrecht erhalten zu können.

Ist nun der/die Angebetete bereit sich all dieser potentiellen Liebe hinzugeben, beginnt sich zu öffnen und präsentiert wahre Bereitschaft, Liebe und mehr, so wird er bei einer untherapierten BP vermutlich auf Granit beissen.

In der Erfüllung der Sehnsüchte ist die Sehnsucht an sich ausgeschlossen. Und eigentlich ist es die, die die BP sucht. Es ist die Sehnsucht nach der Sehnsucht, die uns in einem manchmal tödlichen Kreislauf hält.

Ich möchte es noch einmal anders formulieren.

Die Liebe eines anderen Menschen für mich, machen mich prinzipiell ängstlich, vielleicht sogar panisch. Das jemand mich gut finden könnte, macht mich erst mal misstrauisch. Denn ein positives Selbstbild ist bei BP eher selten bis gar nicht anzutreffen.

Ich persönlich habe große Angst vor meinem eigenen Empfinden, wenn ich liebe. Ich gebe mich auf. Alle Grenzen, die mich als Individuum ausgemacht haben verschwimmen immer stärker. Ich höre auf, für mich selbst zu denken, zu sehen, zu fühlen und zu handeln. Alles geschieht für, durch und mit meinem Partner.

In Gänze habe ich keine eigenen Hobbies mehr, meinen Geschmack und Stil für ihn aufgegeben, höre seine Musik, treffe seine Freunde und kann mich nicht mehr alleine beschäftigen (was ja sowieso schon eine Qual für sich alleine gesehen darstellt -alleine sein).

Ergo. Ich höre auf zu existieren und steige in seiner Asche als Phönix auf. Symbiose entsteht. Vielleicht. Kurzzeitig.

Denn eigentlich gibt es keine Symbiose zwischen Menschen. Jeder ist für sich und man trifft sich, um Überschneidungen zu finden und die eigene Leere ein wenig zu füllen. Hier erscheint die BP als nagend, auffressend, penetrant.

Doch was, wenn nun selbst die vermeintliche Symbiose sich in Schall und Rauch auflöst? Was, wenn dein schönster, innigster Wunsch mittlerweile schon innerhalb von drei Tagen platzt?

Ich meine das nicht als Witz! Unsere Borderlineträume ähneln Euren schillerndsten, grössten, perfektesten Träumen und wir sind davon überzeugt, diesen Traum dieses eine Mal wirklich gefunden zu haben!! Und unsere Traumschlösser können wir mehrmals im Monat mit einer Inbrunst aufbauen, von der andere träumen! Der Schmerz, der Verlust bleibt und deshalb kann es sein, dass er durch den nächsten Rausch, den nächsten Partner gestillt werden muss!!

Dieser Rausch vermag den Schmerz zu Stillen. Doch was, wenn die Sehnsucht gestillt wird?

Dann folgt eine seltsame Stille. Es folgt ein dumpfer Schlag, der einem das Hirn auspustet. Weg ist all die Euphorie. Weg sind die positiven Seiten des Angebeteten. Weg sind die Pläne und Vorhaben.

Und was bleibt? Stille. Doch wir ertragen keine Stille. Sie zeigt uns die Leere, die uns inne wohnt und diese Leere, dieses Gefühl empfinde ich wie vor dem vollen Napf verhungern. Es ist da, doch unerreichbar. Still und leer.

Also schreien wir. Wir schlagen um uns. Wir beweinen unser Schicksal und beschuldigen die Prinzessin, den Ritter, nicht der/die zu sein, die sie zu sein versprachen! Wieder eine Lüge! Wieder enttäuscht! Wieder steigt der Zorn auf. Der Zorn, der alles Leben zu verbrennen vermag. Der Zorn, der den, der vielleicht nur lieben wollte von Grund auf verbrennt.

Dies symbolisiert für mich den Teil der Abwertung.

4.9.14 23:39

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sternenppoet (5.9.14 09:14)
Man sucht also ein Leben lang die Blaue Blume der Romantik. Man sucht das Paradies, das man als Kind nicht hatte. Das Trauma kann schon im Mutterleib beginnen: Ein Kind spürt schon hier, ob es erwünscht ist. Hier sind die Wurzeln: Die Wurzeln sind die Beine, die der Borderliner weglässt, wenn er einen Baum malt. Der Borderliner ist entwurzelt. Aber ein Baum ohne Wurzeln, der nur auf seinem Stamm steht, kommt schnell ins Wanken. Er braucht Stützen, er braucht Hilfen. Seine Seele schreit nach Hilfe. Leider verstehen noch so wenige seine Hilferufe. Aggression kann ein Hilferuf sein. Aber Aggression bewirkt das Gegenteil von dem, was nötig wäre. Ein Teufelskreis.

Guten Morgen!


Ich glaub es hakkt (5.9.14 10:15)
Ich bin so dankbar, dass du meinen Blog gefunden hast. Du unter stützt meine Gedanken, meine Arbeit mit deinem Wissen und deinen Worten so sehr! Deine Kommentare sind wirklich super!!!

Vielen, vielen Dank! Du hast meinen Text mit dem Herzen gelesen, mit Hirn verarbeitet und mit der Zunge auf dem Herzen neu erklärt!!


Frank (13.10.16 18:03)
Hallo,
ich habe mich vor einigen Jahren in eine Frau mit Borderline verliebt. Wir sind innerhalb von kürzester Zeit zusammengezogen und am Anfang lief alles prima. Ich dachte sie wird die Liebe meines Lebens. Zu der Zeit ging alles relativ schnell – ich lernte ihre Eltern, sie meine usw. Ich bin als Mensch schon immer unternehmungslustig, fröhlich, sehr gepflegt und liebte mich mit vielen Menschen zu umgeben.

Heute ist es leider das Gegenteil. Lebe mittlerweile zurückgezogen, keine Spur von Lebensfreude, Freunde haben sich von mir distanziert. Bin leider in ein schwarzes Loch gefallen, wo ich leider total hilflos mit dieser Situation bin und trinke sogar. Der Job ist auch zur Nebensache geworden. Ich werde von ihr ständig angegriffen und hab angefangen mich im Internet über dieses Thema zu beschäftigen, mittlerweile bin ich sogar auf der Suche nach einer Therapie. Ich glaub, dass ich keine andere Wahl sehe als mich von ihr zu trennen...
Ich bin ebenfall über einen interessant Beitrag gestoßen, der sehr aufschlussreich: https://www.derneuemann.net/borderline-beziehung-spaltung/7993 war.
Er zeigt, eigentlich genau das was ich damals/heute durchmache.

Gruß

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