Tiefpunkt

Ich habe ein Tief. Ich fühle mich derzeit verlassen, einsam, ängstlich, leer.

Die Zeit der Euphorie ist vorüber. Das ist mir klar.

Ich zweifle den Blog an. Ich zweifle an meinen Fähigkeiten. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, mich der Welt zu öffnen. Wenn ich andere Seiten sehe, verlässt mich der Mut. Da gibt es Psychologen, Therapeuten, Ärzte, die allesamt mehr Ahnung haben als ich. Aber ich habe die Erfahrung.

Ist es das, was die Menschen lesen wollen? Erfahrungen, Einblicke?

Was soll ich schreiben? Wie soll ich schreiben ohne zu erschrecken? Ohne Abzuschrecken... Schliesslich sollen Angehörige und Interessierte lesen und das Fenster nicht angewiedert schliessen. Schockblogs gibt es genügend...

Ich erschrecke selbst, wenn ich 'meine' Diagnose durchlese. Das ist ein Teil von mir. Der kranke Teil. Ich möchte es gerne beschreiben, die Informationen lebendig werden lassen.

Doch heute durchzuckt der Schmerz mich beim Gedanke daran. Was, wenn andere es lesen? Es ist dumm, darüber so nachzudenken. Ich muss selbst schmunzeln.

Dennoch ist es hart, zu wissen, dass jeder, Chef, Partner, Kind, Mutter oder andere geliebte Menschen einen so großen Einblick in meine Psyche bekommen können. Wer mich kennt, wird es bald wissen, um wen es sich handelt.

Ich fühle mich wie ein gläsernes Kind.

Es löst sofort Verlustängste in mir aus. Die Welt in der ich heute lebe, habe ich mir sehr, sehr hart erschaffen. Und auch wenn jeder weiss. Naja, sie hat Borderline. Niemand kennt mich mehr so, wie ich früher war. Nur einer. Und das muss Abhängigkeit oder Symbiose sein. (Anders kann ich es mir aus meinem Loch hier unten gerade nicht vorstellen, siehe Schwarz-Weiss-Denken)

Entweder ich öffne mich oder ich lasse es. Etwas anderes geht hier nicht. Ich sehe mich konfrontiert, mit all den Dingen, die mich erschrecken, sind sie doch teilweise schon so lange Zeit abgeflaut, haben sich beruhigt. Und plötzlich ist alles wieder da. Plötzlich stehst du mitten in deiner kranken Welt, die du doch so sorgfältig sortiert, gefaltet und weggelegt hast.

Es ist seltsam und erschreckend, zu wissen, dass man in der einen Hand das Potential trägt, Leben zu retten und in der anderen sein eigenes dafür hergeben muss.

Für diese Seiten, für diese Idee, die sich hinter diesem noch kleinen Blog verbirgt, steht mein Leben. Einerseits müsste ich es Preis geben, in einer Dimension, für die ich noch nicht bereit bin, doch es könnte ein Geschenk sein. Ein Geschenk an andere Betroffene, die plötzlich erkennen, an Angehörige, die plötzlich verstehen. Und das Geschenk käme zurück, denn mein Ziel wäre erreicht. Andererseits würde das bedeuten, dass ich mir damit alles verbauen kann.

Was, wenn mein Kind irgendwann teils schonungslose Berichte liest? Schon heute ist es nicht weit entfernt. Im Radio liefen Nachrichten, eine Frau hatte sich das Leben genommen. Und mein Kind darauf. "Oh, Mama! Das hast du doch auch mal versucht... Oder woher hast du diese..?" Er findet das Wort für Narben nicht und schneidet sich mit dem Finger über den Arm...

Ich muss mich irgendwann wieder bewerben. Heutzutage kann man überall Verbindungen von Blogs, Berichten usw. zu den Verfassern herstellen. Ich möchte nicht blauäugig sein. Sowas kann passieren und mir ist es schon passiert. Es wurde etwas gefunden, was niemals hätte gefunden werden sollen. Es hat mich fast alle meine Freunde, meinen Job und meinen Partner gekostet. Dumm gelaufen. Blauäugig.

Was, wenn mein Partner plötzlich schwarz auf weiss erkennt, mit welch einer kranken Frau er zusammen ist? Hat er es bisher nur nicht verstanden, was manchmal in mir los ist? Hat er sich wirklich informiert? Oder ist er blind drauflos gestolpert... Verschliesst er lediglich die Augen und sie werden ihm gewaltsam geöffnet?

Meine Freunde wissen um die Erkrankung. Doch nicht zu 100% um meine Vergangenheit. Wer von ihnen würde bleiben?

Wie soll ich mit der Privatshpäre meiner Familie umgehen? Der Kontakt ist in den meisten Beziehungen sehr schlecht bis gar nicht vorhanden, trotzdem habe ich Respekt vor ihnen, ihrem Schmerz, ihrem Schicksal und ihrem Privatsleben. Doch wie soll ich erklären, ohne ihre Geschichte zu erzählen. Denn ihre Geschichte ist auch meine Geschichte.

Wie kann ich mein Kind und meinen Partner schützen? Wie viel von dem Gefühlsleben anderer darf man Preis geben? Es enthält auch meine Gefühle. Es erklärt meine Gefühle.

Und um genau die handelt es sich hier. Ohne sie wären meine Bemühungen nichts.

4.9.14 20:16

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sternenppoet (5.9.14 09:27)
Bei allem, was man tut, kommen iwann Zweifel. Du kommst in Zweifel, weil du das Blog angelegt hast und du kommst in Zweifel, wenn du das Blog löschst. Du gibst dich hin in diesem Blog, du leistest eine Vorauszahlung mit deiner eigenen Seele und erwartest natürlich als Gegenleistung ein Feedback. Aber bei den Blogs ist es immer so, dass sie anfangs erstmal nur beobachtet werden. Man muss sich erst als Blogger erweisen, beweisen und das kann ein paar Wochen dauern, bis man feste Leser und Freunde gefunden hat. Dein Blog hat für den Anfang eine hohe Wertung in der Statistik. Du hast deine Leser. Sie werden sich melden. Gib ihnen Zeit.


Ich glaub es hakkt (5.9.14 10:18)
Ich danke dir von Herzen!!!


(13.4.16 00:16)
Ich danke dir.


PP / Website (24.5.17 14:03)
Ist wohl wirklich so, dass Borderliner nur ja oder nein kennen. Borderliner sind immer für dich da, aber beim kleinsten Problem, sind sie weg, flüchten sie, brechen alles ab. Aus Liebe wird Hass in einem einzigen kleinen Moment. Aber es liegt auch an der angestauten Wut aus frühkinlichem Manko: Das Kind bekam nicht, was ihm zustand an Zuwendung, Aufmerksamkeit, Liebe.

Und das Kind war wehrlos. Der Erwachsene später kann sich wehren und reagiert knallhart: Du hast mich verlassen, also sieh zu wie du ohne mich auskommst.

Das Kind damals war wehrlos, aber der Erwachsene später reagiert und lässt sein Gegenüber das spüren, was es in frühen Jahren nicht ausdrücken konnte. Sein Gegenüber erfährt nun all die Wut, die damals aufgestaut wurde: "Ich wurde verletzt, aber heute verletzt mich keiner mehr!"

Das Schema läuft immer unbewusst ab und ist jedem psychologisch geschulten Menschen verständlich. Borderline ist eine Erkrankung der Seele, eine Verletzung der Persönlichkeit, die zu einer inneren Wut und Trauer führt, deren Herkunft oft im Dunkeln bleibt. Opfer werden unschuldige Partner und Freunde, Opfer werden oft jene, die es gut meinen. Das ist der Grund, warum Boderliner keiner Beziehung fähig sind: Borderliner sind sich selbt der größte Feind.

Ich halte meine Hand immer offen. PP <3

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